| Geschrieben von Oliver Kiefer,
am 17.01.2009 20:20
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Ein "Erlebnisbericht" von Jean-Marie Noel:
Mein Praxissemester in Triberg habe ich nun hinter mir und mit dem Abstand von zwei Wochen Weihnachtsferien habe ich versucht, meine Gedanken zum Thema Schule in Worte zu fassen. Die Beurteilung des deutschen Schulsystems fällt mir nicht besonders leicht, da ich es nicht als Schüler miterlebt habe und ich finde, dass man Schule nur so gut einschätzen kann. Auf der anderen Seite habe ich das luxemburgische Schulsystem, in dem ich aufgewachsen bin, nie aus der Perspektive des Lehrers kennen gelernt. Insofern kann ich nicht wirklich einen Vergleich zwischen beiden Systemen aufstellen. Ich beschränke mich daher vollkommen auf persönliche Erfahrungen, die ich sowohl am Schwarzwald-Gymnasium in Triberg als auch den beiden Gymnasien, die ich in Luxemburg besucht habe, gesammelt habe.1 Dies bedeutet, dass ich auch nicht auf andere Schularten eingehen werde, weil ich diese nicht aus eigener Erfahrung kenne.
Zur Orientierung: Das luxemburgische Bildungssystem2 ist dem deutschen eigentlich sehr ähnlich, denn der Gedanke des gegliederten Schulsystems liegt beiden zugrunde. In Luxemburg beginnt die Schulkarriere im Kindergarten (Alter: 4-6), danach folgt die Grundschule (Alter: 6-12) und die Sekundarstufe (Alter: 12-19), die wiederum in Lycée secondaire („Gymnasium“), Lycée secondaire technique („Realschule“) und Lycée modulaire („Hauptschule“) gegliedert ist. Auch in den verschiedenen Gliedern der Sekundarstufe gibt es jeweils wieder unterschiedliche Spezialisierungen, die zu verschiedenen Zeitpunkten der Ausbildung vom Schüler gewählt werden müssen. In der 11. Klasse (heißt in Luxemburg 3e, denn es wird rückwärts gezählt, so wie früher auch in Deutschland) muss der Schüler des „Lycée“ sich zwischen sieben „Sektionen“ entscheiden, die inhaltlich schon auf das angepeilte Studium vorbereiten sollten.3 Das „Gymnasium“ bereitet wie auch in Deutschland auf ein Universitätsstudium vor und in der „Oberstufe“ kann man sich einen Schwerpunkt aussuchen, der die Hauptfächer festlegt. Zu meiner Zeit sah der zeitliche Rahmen folgendermaßen aus: Montag bis Freitag je sechs Stunden Unterricht und in der vierten oder fünften Stunde Mittagspause, so dass man jeden Tag von 8 bis 14 Uhr an der Schule war und dann in der Regel nach Hause fuhr. In meinen ersten Jahren am Gymnasium gab es noch Samstagsunterricht und Nachmittagsunterricht am Montag, Mittwoch und Freitag von 14 bis 16 Uhr; am Vormittag war dann nur von 8 bis 12 Uhr Schule (d.h. vier Schulstunden).
Für mich persönlich war es sehr erstaunlich zu sehen, dass in Deutschland die Kinder bereits ab der 5. Klasse ins Gymnasium gehen, während dies in Luxemburg erst ab der 7. Klasse passiert; d.h. es gibt einen deutlichen Unterschied in der Dauer der Grundschulausbildung, in der den Kindern die Grundlagen für die gymnasiale Ausbildung gegeben werden und dies von einem Lehrer allein. Jetzt kann man sich fragen, welches System das bessere ist, allerdings will ich mir eine solch allgemeine Bewertung nicht anmaßen; jedoch sehe ich einen Vorteil des luxemburgischen Modells darin, dass die Schüler in den sechs Jahren Grundschule gute Kenntnisse in den beiden Fremdsprachen Deutsch und Französisch erwerben, die dann im Gymnasium zu den wichtigen Schulsprachen werden (besonders der Umstieg auf das Französische macht vielen Schülern Schwierigkeiten). Meine Erfahrungen aus dem Praxissemester in Triberg haben mir aber auch den Eindruck vermittelt, dass der Eintritt ins Gymnasium ab der 5. Klasse funktioniert: der Unterricht durch Fachlehrer in dieser frühen Phase ist meiner Meinung nach eine sinnvolle Alternative – vor allem, weil die Muttersprache die Unterrichtssprache ist –, so dass beide Modelle je nach gesellschaftlichem und politischen Umfeld sicherlich einiges für sich haben. Das Thema Sprache im Unterricht sehe ich als den auffälligsten und wichtigsten Unterschied zwischen Deutschland und Luxemburg. Die Tatsache, dass in Luxemburg Französisch und Deutsch Unterrichtssprachen sind – und damit zu keiner Zeit der Schullaufbahn die Muttersprache – führt in meinen Augen dazu, dass Unterricht von vornherein anders abläuft, weil viele Schüler trotz der zugegebenermaßen guten Grundausbildung Hemmungen haben könnten, sich am Unterricht zu beteiligen. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass selbst in Abiturklassen noch einige Schüler die französische Sprache nicht so perfekt beherrschen, wie man es erwarten könnten, wenn die Schüler die Sprache über zehn Jahre gelernt haben. Vielleicht können sich die älteren deutschen Schüler, die schon vielleicht fünf Jahre Französisch in der Schule hatte, einmal die Frage stellen, ob sie dem Unterricht in französischer Sprache folgen könnten und welche Schwierigkeiten sich ergeben würden, wenn sie viel mitarbeiten wollten. Die Situationen sind natürlich nicht vergleichbar, weil in Luxemburg die beiden Fremdsprachen allgegenwärtig sind und im Allgemeinen auch gut beherrscht werden, doch ich glaube, dass es ein fundamentaler Unterschied für den Unterricht darstellt, ob dieser in der Muttersprache oder in einer Fremdsprache stattfindet. In der globalisierten Welt ist es natürlich von großem Vorteil, wenn man Fremdsprachen nicht nur im Sprachenunterricht anwendet, sondern auch in anderen Fächern, weil man z.B. auf ein Studium im Ausland sehr gut vorbereitet wird.
Das Schulleben, wie ich es erlebt habe, unterscheidet sich sehr von dem, was ich in Triberg miterlebt habe. In meiner Schulzeit kamen die Schüler am Gymnasium fast aus dem ganzen Land, u.a. weil die großen Gymnasien in der Hauptstadt konzentriert sind, so dass die Hin- und Rückfahrt teilweise viel Zeit in Bahn und Bus mit sich brachte. Auf diese Weise erkläre ich mir die wenigen Veranstaltungen nach Schulschluss an der Schule, wenn ich auch weiß, dass einige freiwillige Kurse angeboten wurden, wie z.B. Theater. Meiner Meinung nach wird in Luxemburg die Schule vielmehr als Lernstätte aufgefasst, während in Deutschland die Schule stärker ein Ort des Lebens und der Begegnung für Lehrer und Schüler ist. Besonders deutlich zeigt sich mir dies am Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern: in Triberg habe ich immer einen sehr offenen und freundlichen Umgang sehen können, während ich aus eigener Erfahrung als Schüler nur sehr selten eine derart intensive Beziehung zu Lehrern hatte. Die Lehrpersonen waren viel stärker eine Autoritäts- und Respektsperson, die relativ weit vom Schüler entfernt war. Natürlich muss man sich bei solchen Beurteilungen immer die Dimensionen vor Augen halten: in Triberg gehen ca. 370 Schüler zur Schule, an meiner Schule waren ca. 1200 Schüler und das habe ich damals schon als relativ klein empfunden (im Vergleich mit dem Ausland, das ich aber nicht kannte). Ein weiteres Indiz dafür war das Aussehen der Schulräume und des Gebäudes, die in meiner Schülerkarriere nie auch nur die kleinste persönliche Note hatten, teilweise war es strengstens untersagt, die Schulräume zu verändern.
Diese allgemeinen Rahmenbedingungen haben sich natürlich – wie schon kurz angedeutet – auch auf den Unterricht ausgewirkt: nach meiner persönlichen Erfahrung bestand Unterricht im Gymnasium immer aus einer Mischung aus Lehrervortrag und einem Unterrichtsgespräch, wobei der Lehrer jederzeit der dominierende Akteur war. Meine Eindrücke des deutschen Gymnasiums gehen in eine andere Richtung, denn ich habe viel stärker den Einsatz von schülerzentrierten Unterrichtsformen (z.B. Gruppenarbeiten, Präsentationen) erfahren. Solche Methoden waren mir bis vor einigen Monaten aus der eigenen Schullaufbahn unbekannt. Diese Unterrichtsformen scheinen mir aber deutlich effektiver zu sein, wenn sie in einer gesunden Mischung und Abwechslung angewendet werden; man kennt es ja aus dem täglichen Leben, dass man etwas viel leichter behält und wieder abrufen kann, wenn man es auch selbst erarbeitet oder ausprobiert hat. Neben dem rein inhaltlichen Output schulen die Schüler dadurch natürlich auch soziales Verhalten im Rahmen von leistungsorientierter Arbeit und ich glaube festgestellt zu haben, dass die Schüler auch mit mehr Begeisterung bei der Sache sind, wenn sie stärker in den Unterricht mit einbezogen werden. Selbstverständlich muss man die Sache differenziert betrachten und je nach Klasse, zur Verfügung stehender Zeit, Stofffülle, Material oder Fach die Möglichkeiten abwägen, die realistisch umzusetzen sind. Die Grundeinstellung, Schüler am Unterricht aktiv zu beteiligen, so dass der Lehrer nicht nur „Konsumenten“ vor sich sitzen hat, sehe ich als förderlich für gute Ergebnisse und eine gute Arbeitsatmosphäre. Diese Atmosphäre hat möglicherweise wiederum Rückwirkungen auf das Schulleben insgesamt, entweder positiv oder negativ.
Ein zentraler Aspekt von Schule ist immer die Notengebung und so kann dieses Thema auch in diesem Artikel nicht unterschlagen werden. Der Grundgedanke eines jeden Systems liegt selbstverständlich darin, Schülerleistungen zu prüfen und zu vergleichen, bzw. Fähigkeiten der Schüler irgendwie messbar zu machen; die Herangehensweise ist aber oft sehr verschieden. Der Unterschied zwischen Deutschland und Luxemburg besteht darin, dass die deutschen Noten eine bestimmte Punktzahl widerspiegeln und zusammenfassen, während in Luxemburg die erreichte Punktzahl die Note darstellt, wobei 60 Punkte das Maximum sind. Ein deutscher Lehrer kann eine Klassenarbeit also je nach Umfang oder Gewichtung mit Punkten versehen und dann mit Hilfe eines Notenschlüssels den Punkten eine Noten zuweisen; ein luxemburgischer Lehrer muss hingegen immer die Punktzahl 60 erreichen und somit die Klassenarbeiten und die einzelnen Aufgaben dementsprechend erstellen und gewichten. Über Sinn oder Unsinn des jeweiligen Systems kann man sicherlich streiten; ein häufiger Vorwurf gegen das luxemburgische System ist die vermeintliche Objektivität der Bewertung: Der Lehrer neigt sehr leicht dazu, für Fehler eine bestimmte Punktzahl abzuziehen und so der Illusion zu erliegen, eine vollkommen gerechte Bewertung abgeliefert zu haben. Auf der anderen Seite muss meiner Meinung nach aber auch darauf geachtet werden, dass eine gewisse Überprüfbarkeit gewährleistet ist und dies scheint mir mit Punktabzügen besser möglich als durch Noten von 1 bis 6, die eine Gesamtleistung beurteilen sollten, wie es Michel Pauly vorschlägt.4 Wie so oft liegt die Lösung wahrscheinlich in der Mitte, denn eine Bewertung, die ausschließlich auf der Einschätzung der Gesamtleistung eines Schülers beruht, birgt das Risiko, dass die Bewertung an Transparenz und Nachvollziehbarkeit verliert. Im Grunde kann man sogar Ähnlichkeiten beider Systeme feststellen, denn immerhin macht die Zahl 60 den Eindruck, als bestünde eine Verwandtschaft mit den sechs Noten des deutschen Systems; in der Tat werden im Schulalltag auch die beiden benutzt: Viele Lehrer und Schüler ordnen die Punkte noch den sechs Noten zu (60-50 = 1; 49-40= 2, usw.), wobei dann aber schon eine „4“ eine Ungenügende darstellt.
Der Vergleich oder die Bewertung von Bildungssystemen ist augenscheinlich nicht so einfach und ich frage mich, ob es überhaupt sinnvoll ist. Schulsysteme haben sich in den meisten Fällen über Generationen hinweg entwickelt und wurden dabei den jeweiligen Traditionen und Bedürfnissen angepasst. Es ist sicherlich nicht falsch, sich bei anderen Modellen zu inspirieren, aber ich glaube nicht, dass die komplette Neugestaltung eines Bildungssystems nach dem Vorbild eines vermeintlich besseren Systems (vgl. PISA und das finnische Schulsystem)5 zu dem erhofften Erfolg führt.
Letztes Update : 17.01.2009 20:23
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Ich danke Dir vielmals!
Geschrieben von: OliK () am 13.01.2009 15:29